Tätigkeitsbericht Oktober: Konstante neben dem Stacheldraht

Die Sonne scheint, wir sitzen im Truck in Griechenland auf der Halbinsel Attika, nördlich von Athen. Seit dem 8. März befindet sich der Rolling Safespace hier, ROSA – Rolling Safespace e.V. eine mobile Anlaufstelle für Frauen auf der Flucht. Dies ist ein fortlaufender Bericht von der Lage und Situation in Griechenland.

Im Vorbeifahren erhaschen wir einen Blick auf die meterhohen Mauern und Zäune, getoppt mit Stacheldraht, sowie Drehkreuze welche Menschen beim rein und rausgehen kontrollieren sollen. Dieser Anblick, der dem eines Gefängnisses ähnelt, lässt uns jeden Tag die Wichtigkeit unserer Arbeit bewusst werden. Wir wollen einen Ort kreieren an dem Frauen auf der Flucht, die oft jahrelang in diesen Camps leben ihren Alltag scheinbar vergessen und sich in geschütztem Rahmen untereinander austauschen können.

Wie in den Letzten Monaten fahren wir weiterhin jeweils ein- bis zweimal die Woche die Camps Oinofyta, Ritsona und Malakasa an. Wir parken den Truck, öffnen die Türen und manchmal kommen schon gleich erste Frauen und Kinder angelaufen und helfen die Zelte aufzustellen. Wir breiten Teppiche und Kissen aus und stellen einen kleinen Tisch mit Snacks und Getränken auf; der Eistee aus dem Hochsommer wurde langsam durch heißen Tee und Kaffee ersetzt. Es entsteht für zwei Stunden ein gemütlicher Ort, an dem sich die Frauen wohlfühlen und entspannen sowie gemeinsam lachen und tanzen. Neben der restlichen Carearbeit kümmern sich die Frauen in den Camps meistens den ganzen Tag hauptverantwortlich um ihre Kinder. Um ihnen diese Aufgabe für ein paar Stunden abzunehmen und eine ruhige Atmosphäre zu ermöglichen, übernehmen zwei Crewmitglieder die Kinderbetreuung. Sie spielen und basteln mit ihnen und werden immer wieder mit der Herausforderung konfrontiert Kinder unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Kulturen gemeinsam zu beschäftigen. In den letzten Wochen bastelten die Kinder Windspiele, Masken, Papptellerquallen und vieles mehr. Steine wurden bemalt, Tücher mit Hand- und Fußabdrücken bedruckt und Jonglierbälle aus Luftballons und Sand gezaubert. Wenn die Konzentration langsam nachlässt, werden Sportspiele oder Verstecken gespielt, getobt oder in einer anderen Ecke Mandalas ausgemalt.

Während die Kids den einen Teil der Crew auf Trab halten, sitzt der Rest in einer gemütlichen Runde mit den Frauen zusammen. An einigen Tagen kommen nur um die fünf Frauen und wir haben, in kleiner Runde, Zeit uns gegenseitig kennenzulernen und auszutauschen. An anderen Tagen kommen bis zu 30 Frauen, wir sitzen beisammen, einige unterhalten sich in privaten Gesprächen, andere reden wild durcheinander, lachen und singen. In kreativen Workshops können sich die Frauen in vielen verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten probieren. So haben wir mit Ton herumexperimentiert, Perlentiere aus Perlen und Draht gebastelt und von einer Frau gezeigt bekommen, wie man einen Rock ganz einfach mit der Hand nähen kann. Am beliebtesten war in den letzten Wochen selbst gemachter Perlenschmuck. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt und es wurden verschiedene Kreationen an Ohrringen, Ketten und Armbändern gefädelt. Weiter haben wir uns an verschiedenen Makramee-Techniken probiert und Freundschaftsbänder für Freund*innen, Partner*innen oder uns selbst geknüpft. Neben den kreativen Workshops hatten wir einen großen Spaß am gemeinsamen Volleyballspielen, Bewegungskreisen, und Capoeirastunden. Manchmal fehlte allerdings auch die Motivation für Sportworkshops, und wir müssen wir uns immer wieder an die Bedürfnisse und Wünsche der Frauen anpassen. So endeten einige Nachmittage in ausgelassener Stimmung bei afghanischer oder arabischer Musik tanzend.

Daneben fanden Gesprächsrunden, mit einem Input unserer Ärztin und Medizinstudentin, über Verhütung, Hautpflege und Hygiene statt. Wer sich über diese Gesprächskreise hinaus eine genauere Beratung in privatem Raum wünscht, kann weiterhin unser kleines Beratungszimmer im Truck nutzen. Dort kann alleine mit medizinischem Personal und einer Übersetzerin geredet werden, es ist Raum und Zeit um Fragen zu stellen, körperliche Beschwerden zu besprechen und gehört und ernst genommen zu werden. Gerade in Ritsona wird dieses Angebot zurzeit sehr stark in Anspruch genommen und die Frauen kommen immer wieder zu Folgeterminen.

Zudem hatten wir im letzten Monat eine Physiotherapeutin mit uns. Wir wollten herausfinden, ob es physiotherapeutischen dementsprechend Behandlungsbedarf gibt und wir unser medizinisches Angebot erweitern wollen. Zu Beginn waren die Frauen zurückhaltend dieses neue Angebot anzunehmen. Doch mit der Zeit wurde das neue Physio-Zelt samt Liege gerne aufgesucht und die Frauen erschienen häufig zu abgemachten Verabredungen. Auch waren sie bereit, sich bei Bedarf zu entkleiden und den nahen Körperkontakt zuzulassen. Es entstanden offene und sehr besondere Momente der Nähe und Verbundenheit. Die Intimität konnte dabei in positiver Weise über die Sprachbarrieren hinweg helfen. So war es möglich trotz einer fehlenden konstanten Übersetzung mittels Körpersprache und Vertrauen ein angenehmes Behandlungsumfeld zu schaffen, in dem das wuselige Geschehen außerhalb des Zelts – ob durch Kinder oder stürmische Wetter verursacht – meist ausgeblendet werden konnte. Dieser Raum bot die Möglichkeit, persönliche Bedürfnisse und Fragen zu besprechen und eine kleine Auszeit vom oftmals physisch sowie psychisch belastenden Alltag zu kreieren. Häufig kam eine Frau strahlend aus dem Zelt heraus und berichtete über ihre Erfahrungen und ihr neues Wissen, wie sie durch selbstständige Übungen zu Hause ihrem Körper etwas Gutes tun und Schmerzen entgegen wirken kann. Dazu konnten wir nach Bedarf kleine Massage-Öl-Proben austeilen, damit Eigenbehandlungen zu Hause fortgeführt werden konnten. Für den Winter ist es aktuell nicht möglich dieses Angebot weiterzuführen, da es in dem unbeheizten Zelt zu kalt wird. So werden wir die kalte Jahreszeit nutzen, um das Angebot weiter auszuarbeiten und neue Crew- Mitglieder mit entsprechenden Kenntnissen auf ROSA aufmerksam zu machen.

 

Ein besonderer Nachmittag war für uns alle der Tag, an dem wir unsere monatelange Übersetzerin nach Deutschland verabschiedet haben. Sie wünschte sich ihren letzten Tag bei uns mit ihrer Familie, ihren Freund*innen und den Frauen aus dem Camp zusammen zu feiern. So machten wir es uns mit Chips, Popcorn und Luftballons gemütlich und kochten angeleitet von der Schwägerin ihr Lieblingsgericht zusammen.

 

Mit Hilfe unserer alten Farsi Übersetzerin konnten wir schnell zwei neue Übersetzerinnen für die Farsi sprechenden Frauen finden. Eine der Übersetzerinnen wohnt selbst in dem Camp in Malakasa, sie unterstützt uns dort und fährt auch mit uns nach Oinofyta. In Ritsona berät unser medizinisches Team gemeinsam mit einer Englisch und Farsi sprechenden Gynäkologin aus dem Camp. In letzter Zeit kommen in einigen Camps immer mehr Arabisch sowie Surani sprechende Frauen zu uns in den Safespace, leider haben wir trotz aller Bemühung gerade keine Personen vor Ort, die diese Sprachen übersetzten können. Eine Arabisch-Übersetzung können wir für die medizinischen Konsultationen per Telefon erreichen. Trotz dieser Herausforderungen freuen wir uns sehr eine diverse Gruppe erreichen zu können.

Seit einigen Wochen arbeiten wir in Oinofyta gemeinsam mit der ECHO Mobile Library. Die ECHO Mobile Library ist eine mobile Bibliothek, welche Bücher auf verschiedensten Sprachen an Menschen in den Camps verleiht. Sie fährt ebenfalls mit einem ausgebauten Truck verschiedene Camps in Griechenland an. Der erste gemeinsame Tag war zunächst ein ganz schönes Durcheinander. Eigentlich haben wir versucht einen gemeinsamen Space primär für die Frauen zu gestalten, doch die Kids waren viel schneller. Sie stürmten nahezu die Bibliothek im Truck, schauten sich freudig alle Bücher an und fingen an auf Gitarren zu klimpern. In den darauffolgenden Wochen bekamen sie einen eigenen Teppich, auf dem Bücher für sie ausgebreitet wurden und sie Bildgeschichten anschauen konnten. Es dauerte ein Weilchen, um den Frauen bewusst zu machen, dass auch dieser neue Truck ein Ort für sie ist. Nach und nach wächst das Interesse sich die Bücher anzuschauen und Hefte zum Sprachenlernen auszuleihen. Und so entsteht in Oinofyta ein Saferspace zwischen unserem Rosa Truck und der Bibliothek, in dem die Frauen bei Tee und Kaffee, gemeinsam basteln, Englisch oder Deutsch lernen oder sich über Bücher austauschen können.