Tätigkeitsbericht Juli – September: News aus Griechenland

Tätigkeitsbericht: Frauen und Flucht. Bericht aus Griechenland (aus den Monaten Juli/August/September)

ROSA – Rolling Safespace e.V. ist eine mobile Anlaufstelle für Frauen auf der Flucht. Mehr zu den Hintergründen des Projekts finden Sie hier. Seit dem 8. März befindet sich der Rolling Safespace in Griechenland auf der Halbinsel Attika, nördlich von Athen. Dies ist ein fortlaufender Bericht von der Lage und Situation in Griechenland.

Die Sonne knallt auf den kleinen, asphaltierten Parkplatz und die Kinder versuchen sich mit Wasserspielen von der Hitze abzulenken. Die Frauen sitzen im Schatten des Zeltes und trinken eiskalten Eistee, um die heißen Temperaturen zu überstehen. Die Crew Shirts sind schon zu Beginn komplett durchnässt vor Schweiß und selbst Café Fredo – traditioneller, griechischer Eiskaffee – trägt nur bedingt zur Abkühlung bei.    In den letzten Monaten war es vor allem die Hitze und der fehlende Truck, die uns vor neue Herausforderungen gestellt haben und kreative Lösungsansätze der Crew gefordert hatten. Mit teilweise nur einem Auto fuhren wir die Camps in Malakasa, Ritsona und Oinofyta an und schafften es jedoch dennoch, mit einem Teppich, ein paar Kissen, Tee, Keksen und Planen zum Sichtschutz einen Raum zu erschaffen, in dem sich die Frauen wohl fühlten. Es brauchte nicht viel, um unseren „Safe Space“ zu errichten, in dem wir gemeinsam zu afghanischer und arabischer Musik tanzten und viele Lachter durch den Raum ertönten. Die Gitarren wurden ausgepackt, Ringschellen und eine Frau begann zu singen, und schon entstand eine kleine Band. Es wurden Perlentiere gefädelt, Laternen und Luftballons zugekleistert, Leinwände wurden bemalt und Kräuterkissen genäht. Letztere wirken je nach Inhalt schlaffördernd, konzentrationssteigernd oder mindern die Gelenkschmerzen. Jede Frau entscheidet selbst, was sie gerade braucht und was ihr guttut. Eine „Pause von der Hoffnungslosigkeit“ – so nannte eine Frau aus dem Camp ROSA und den Ort, den wir gemeinsam erschaffen wollen. Ein Ort, in dem Geschichten geteilt werden können und in dem für zwei Stunden die Realität ganz weit weg scheint.

Selbst das wechselnde Wetter mit Regen und Gewitterschauern scheint kein Hindernis an der Motivation und dem Interesse der Frauen zu sein. Während die Crew noch im Auto saß und wir überlegten, ob es Sinn mache, heute überhaupt das Zelt aufzubauen, kamen die Kids der Frauen schon zu uns gerannt und rissen uns das Zelt buchstäblich aus den Händen, und uns blieb keine andere Wahl. Aus einem improvisierten Zelt mit einer angehängten Plane drängelten sich Frauen, Kids und die Crew alle zusammen auf einen Teppich, während der Wind an uns vorbeipfiff und der Regen auf das Zelt einprasselte. Es wurde Steine bemalt, gehäkelt und warmer Kaffee und Tee ausgeteilt. Dabei wollen wir vor allem darauf achten, den Raum – den Safe Space – mit den Frauen gemeinsam zu gestalten und ihnen auch den Raum zu überlassen, zum Beispiel mit Workshops, die die Frauen selbst anleiten können. Und tatsächlich: kurz nachdem uns eine Frau in Oinofyta von ihrer jahrelangen Erfahrung als Makeup Artist erzählt hatte, leitete sie selbst den Workshop an und Frauen, Crew Mitglieder und auch Kinder wurden mit verschiedenen Farben und Pinseln geschminkt. In Malakasa hingegen wird gepierced: eine Frau aus dem Camp hat stets eine Piercingpistole dabei, und verschiedene Crew Mitglieder als auch Frauen kamen in den Genuss eines neuen Piercings, während sich die anderen Frauen in der Arbeit mit Ton austobten und neue Ketten, Armbänder und Ringe aus Perlen bastelten. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Neben den kreativen Workshops können die Frauen mithilfe unserer Workshops und Gesprächskreise auch ihr medizinisches Wissen erweitern – sei es zu Zysten am Eierstock, Brustkrebsvorsorge oder Menstruation und Schwangerschaft: der Fokus liegt auf dem Empowerment der Frauen. Auch Themen wie Verhütung werden hier besprochen, und natürlich bleibt auch der Raum für zahlreiche offene Fragen und Diskussionen. Dabei achten wir darauf, die Themen kultursensibel zu vermitteln und auf die unterschiedlichen Kulturen einzugehen beziehungsweise zu berücksichtigen. Dabei nehmen unter den alt bekannten Frauen auch stets neue Gesichter unser Angebot wahr: sei es der kreative Part oder doch eher das medizinische Wissen.

Aktuell fahren wir die 3 Camps mit jeweils einer Arabisch Übersetzerin und einer Farsi Übersetzerin an, die beide in Ritsona leben. Die beiden sind für die Arbeit von ROSA essenziell, indem sie nicht nur Übersetzungsarbeit leisten, sondern auch Kulturvermittlung und mittlerweile ein fester Bestandteil unserer Crew sind. Umso schwerer fiel uns dann der Abschied von der Arabisch Übersetzerin, als sie uns Anfang September verließ, um nach Deutschland zu gehen. Wir organisierten ein gemeinsames Abschiedsabendessen am Strand, und aßen bei Sonnenuntergang mit den Klängen von arabischer Musik und einer Lichterkette, die uns angenehmes warmes Licht spendete, Pasta – ihr Lieblingsgericht. In diesen kurzen Momenten, die so prall gefüllt sind mit Schönheit und Freude, vergisst man schnell, dass sich nach unserem Treffen die Wege wieder trennen: während wir nachhause fahren und den Abend gemütlich auf der Terrasse ausklingen lassen, steigen die 2 Übersetzerinnen beim Camp aus und müssen erstmal durch Drehkreuz und Stacheldrahtzaun, um „nachhause“ zu kommen. In diesen Momenten wird uns die Kluft zwischen „uns“ und den geflüchteten Menschen abermals bewusst.

Ende August war es dann so weit: Endlich kam der neue ROSA Truck! Voller Freude verbrachten wir die erste Woche damit, den Truck vorzubereiten, einzuräumen und uns ein Konzept zu überlegen, wie der Truck von den Frauen genutzt werden kann. Wir wollten den Truck zu einem Safe Space für die Frauen etablieren. Ein Ort, in dem sie sich zurückziehen können, etwas Persönliches besprechen oder aber auch nur Kaffee kochen und Obst essen können. Zusätzlich dazu ermöglicht der Truck einen sicheren Platz für die medizinische Konsultation mit einem eigenen verschließbaren Raum und zahlreichem Equipment, darunter Brustmodelle mit tastbaren Tumoren zum Erlernen der Selbstuntersuchung. Nach zahlreichen Vorbereitungen war es so weit: nun kam der Open Truck Day! Voller Stolz und Aufregung führten wir die Frauen durch den Truck und zeigten ihnen, wo sie Hände waschen konnten, wo sich der Müll befindet und wie sie Kaffee kochen können. Obwohl die Begeisterung der Frauen zu Beginn nicht so groß war wie erwartet – „yeah, so now you have a new truck; but the old one was bigger….“ – dauerte es nicht lange, bis die Frauen selbstständig die Treppe hoch liefen und sich die Hände wuschen oder in Gesprächen vertieft waren. Immer mehr Frauen nehmen die medizinischen Konsultationen wahr und nutzen die Privatsphäre, um über persönliche Geschichten und Krankheiten zu sprechen. Uns huschte ein Lächeln über da Gesicht: genau das war es, was wir uns erträumt haben – einen Safe Space für die Frauen! Durch den Truck konnten wir unter anderem auch unserem Traum nach einer feministischen Bibliothek in allen Sprachen nachgehen, und dies als niedrigschwelliges Angebot anhand von Flyern im Türrahmen. Themen wie Schwangerschaft, Verhütung, Schwangerschaftsabbruch und rechtliche Lage rundum das Thema Sexualität werden hier angesprochen und bearbeitet. Und dies auch zum einfach mit nach Hause nehmen! Wer eine genauere Beratung wünscht, kann sich natürlich jederzeit in unserem Mediraum melden und eine körperliche Untersuchung und intensiveres Gespräch wahrnehmen. Dabei bleibt das medizinische Angebot weiterhin niedrigschwellig, aber die Kontakte zu MVI (Medical Volunteers International) und MSF (Medecins sans frontieres/Ärzte ohne Grenzen) sind mittlerweile gut etabliert und neben der Weitervermittlung beraten sie uns auch in zahlreichen medizinischen Anliegen und Fragen. Dadurch erreichen wir ein breites medizinisches Angebot und können Personen auch vermitteln. Neben diesen beiden Organisationen sind wir jedoch weiterhin auf der Suche nach neuen Kontaktstellen, die uns beispielweise in allgemeinmedizinischem Bereich aushelfen können. Da Ärzte ohne Grenzen mittlerweile auch nicht mehr regelmäßig in die Camps fährt, ist die Vermittlung und medizinische Versorgung wichtiger als je zuvor. Das Angebot wird dankend angenommen und wir merken, wie wichtig und notwendig ROSA für die Frauen ist – als Zufluchtsort, als Ort, den sie mitgestalten können und als Ort, in dem sie sich austauschen und erzählen können.